3.2.1 Wiki / Memex

Als Vannevar Bush seinen Entwurf des Memex erstmals beschrieb, konnte er von den Möglichkeiten der digitalen Datenverarbeitung noch nichts ahnen. Sein Konzept gilt aber dennoch als visionärer Vorläufer heutiger Hypertext-Systeme, da es auf dem Prinzip der nicht-linearen Verknüpfung einzelner Informationseinheiten basiert. Realisiert werden sollte dies durch ein analoges Verfahren mit Hilfe der Mikrofilm-Technik. Bush stellt sich den Memex als einen Schreibtisch vor, in dessen Inneren sich die auf Mikrofilm gespeicherten Dokumente befinden. Diese können über mehrere Projektionsflächen auf der Tischplatte aufgerufen und nebeneinander betrachtet werden. Der Benutzer des Memex kann die Dokumente aber nicht nur lesen, sondern auch mit Annotationen versehen und miteinander verknüpfen. Die veränderten Seiten werden wiederum auf Mikrofilm abfotografiert und in bestehenden Datenbestand integriert. Als innovativ erweist sich der Memex-Entwurf in seiner namengebenden Funktion als Erweiterung des menschlichen Gedächtnisses vor allem über das Prinzip eines assoziativ operierenden Indizierungssystems. Anstelle numerischer oder alphabethischer Indizierungen soll im Zuge der Benutzung eine assoziative Verweisstruktur entstehen, die sich an der Funktionsweise der menschlichen Kognition orientiert:

[Die] Mechanisierung dieser Assoziationsfähigkeit ist das Kernstück im MEMEX-Entwurf, das die weitstreuenden Wirkungen dieses Textes bis in die heutige Zeit ausmacht. Und hier realisiert sich im Modell eine Verschränkung und Koppelung kultureller Informationssegmente mit einem frei programmierbaren Indexsystem, das zudem auch noch verschiedene Medien anschlussfähig macht; und das finden wir auf keiner Buchseite.109

Der Memex wurde nie verwirklicht, doch auch im digitalen Zeitalter ließen die interaktiven Möglichkeiten lange auf sich warten. Noch heute besteht der Großteil aller Webseiten aus statischen Dokumenten, die mittels eines Webbrowser abgerufen, aber nicht bearbeitet werden können. Das Wiki-Prinzip hingegen scheint die Funktionalität des analogen Memex auf digitaler Basis zu verwirklichen. Ein Blick auf eine längere Passage aus As We may think, in dem das Einfügen von Annotationen und Verknüpfungen in das Memex-System beschrieben wird, lohnt sich vor allem in Hinblick auf die Wissensorganisation in enzyklopädischen Wiki-Projekten wie der Wikipedia:

The owner of the memex, let us say, is interested in the origin and properties of the bow and arrow. Specifically he is studying why the short Turkish bow was apparently superior to the English long bow in the skirmishes of the Crusades. He has dozens of possibly pertinent books and articles in his memex. First he runs through an encyclopedia, finds an interesting but sketchy article, leaves it projected. Next, in a history, he finds another pertinent item, and ties the two together. Thus he goes, building a trail of many items. Occasionally he inserts a comment of his own, either linking it into the main trail or joining it by a side trail to a particular item. When it becomes evident that the elastic properties of available materials had a great deal to do with the bow, he branches off on a side trail which takes him through textbooks on elasticity and tables of physical constants. He inserts a page of longhand analysis of his own. Thus he builds a trail of his interest through the maze of materials available to him.110

Im assoziativ strukturierten Dokumentenverbund des Memex erscheint der „trail of interest“ des Benutzers noch als relativ lose Verbindung einzelner, thematisch verwandter Informationseinheiten. Durch die Digitalisierung und damit die erhöhte Flexibilität im Umgang mit dem Datenmaterial werden die beschriebenen Annotations- und Verknüpfungsmöglichkeiten in Wiki-Systemen um die Dimension einer thematischen Komprimierung von Informationen erweitert: Alle relevanten Informationen einer thematischen Einheit können über ein zentrales Dokument kollaborativ erstellt, organisiert und präsentiert werden.

Fußnoten:

109 Idensen, Heiko: „Kollaborative Schreibweisen – virtuelle Text- und Theorie-Arbeit: Schnittstellen für Interaktion mit Texten im Netzwerk“. In: Gendolla, Peter u.a. (Hg.): Formen interaktiver Medienkunst. Geschichte, Tendenzen, Utopien. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2001. S.232f.

110 Bush, Vannevar: As We May Think. [Abschnitt 7] (17.10.1996). URL: http://www.w3.org/History/1945/vbush/vbush-all.shtml (12.03.2005).