3.2.2 Wiki / Projekt Xanadu

Im Gegensatz zu Bushs Memex-Vision konnte Ted Nelson sein Hypertext-System „Xanadu“ bereits vor dem Hintergrund elektronischer Datenverarbeitung entwerfen – zu einer funktionierenden technischen Implementierung des in den 1960er Jahren initiierten Projekts sollte es allerdings bis heute nicht kommen. Gründe hierfür mögen zum einen darin liegen, dass dem studierten Soziologen Nelson die technischen Kenntnisse fehlen, seine weitreichenden Visionen gezielt umzusetzen oder zu vermitteln. Zum andern ist es wohl vor allem jener weitreichende und universalistische Anspruch seines Hypertext-Systems, der einer erfolgreichen Umsetzung des Xanadu-Projekts bislang im Wege stand.111

Nelson schwebt ein weltumspannendes System untereinander vernetzter Hypertext-Dokumente vor, die in ihrer Gesamtheit das so genannte „Docuverse“ bilden. Der ständigen Beteuerung, Xanadu zeichne sich im Grunde durch Einfachheit und Exaktheit aus, steht der ebenso häufig erwähnte Hinweis auf die Tiefe und Komplexität des Systems gegenüber, manchmal sogar im gleichen Atemzug: „We have an exact and simple structure. The Xanadu model handles automatic version management and rights management through deep connection.“112

Nelsons technologische Visionen, die immer auch politische sind, richteten sich in der Anfangsphase des Projekts zunächst gegen die medialen Beschränkungen der Gutenberg-Kultur. Das lineare und interaktionsarme Druckmedium Buch stehe einer freien Entfaltung der menschlichen Kreativität im Wege und habe maßgeblichen Anteil an der Ausbildung hierarchischer Gesellschaftsstrukturen. Als die Idee eines globalen Datennetzes schließlich mit dem WWW Wirklichkeit wurde, wandte sich Nelsons Kritik gegen die defizitären Eigenschaften desselben. Nach Nelsons Ansicht nutze das WWW keineswegs die Möglichkeiten des digitalen Mediums adäquat, sondern stelle eher eine Verlängerung der Gutenberg-Kultur dar:

Today's popular software simulates paper. The World Wide Web (another imitation of paper) trivializes our original hypertext model with one-way ever-breaking links and no management of version or contents.113

Wenngleich die Verwirklichung seiner Ideen scheiterte, so lieferte Nelsons Xanadu-Vision dennoch entscheidende Denkanstöße für die Entwicklung der real existierenden Hypertext-Systeme. So sieht sich etwa das WWW massiv mit dem Problem der „Flüchtigkeit“ der publizierten Informationen konfrontiert: Die dezentrale Organisation des Internets führt häufig dazu, dass statische Verweise, die sich nicht selbst aktualisieren können, schnell veralten und ins Leere führen. Um dies zu verhindern, gäbe es in Nelsons Docuverse ausschließlich bidirektionale Links, die nicht veralten können. Alle Dokumente wären in einem "ever-growing adressable pool, or indexable carpet"114 gespeichert, die Benutzer würden sich die von ihnen benötigten Inhalte virtuell aus dem originalen Datenbestand selbst zusammenstellen.

Auch für das Problem einer Durchsetzung des Urheberrechts im digitalen Zeitalter hält der universelle Xanadu-Entwurf einen Lösungsansatz bereit: Das so genannte „Transcopyright“-Modell. Wenn sich die User ihre Inhalte selbst zusammenstellen, so würde dies wohl zwangsläufig auf eine Kombination frei verfügbarer und kostenpflichtiger Inhalte hinauslaufen. Eine automatisierte Abrechnung von Kleinbeträgen, die den jeweiligen Autoren der ursprünglichen Inhalte gutgeschrieben werden, würde einen reibungslosen, gerechten und benutzerfreundlichen Ablauf vernetzter Kommunikation ermöglichen.115 Ähnliche Bestrebungen finden sich gegenwärtig in Ansätzen des so genannten „Micropayments“.116

Weitere zentrale Eigenschaften, die das Xanadu-Konzept von der bisherigen Praxis des Publizierens im WWW abheben sollen, weisen erstaunliche Parallelen zur Organisation komplexer Wiki-Systeme wie der Wikipedia auf. Zu nennen sind hier die potenziellen Möglichkeiten des "Side-by-side intercomparison of connected documents", das "deep version management" sowie das "incremental publishing".117 Die Prinzipien einer vergleichenden Versionskontrolle und der Modifizierung von Inhalten unter Vermeidung veralteter Verweisstrukturen sind auch für die Funktionalität des Wikipedia-Projekts konstitutive Merkmale, wie sich bei der ausführlichen Betrachtung der Organisation der Online-Enzyklopädie noch zeigen sollte.

Neben den technologischen Visionen ist Nelsons Xanadu-Projekt aber auch gerade in seiner netzpolitischen Ausrichtung interessant. Die Vorstellung, antihierarchische Gesellschaftsstrukturen über demokratisch strukturierte Netzmedien zu erreichen, deckt sich in großen Teilen mit dem ideologischen Impetus mediendemokratischen Konzepte der so genannten „Hackerkultur“:118

Xanadu was meant to be a universal library, a worldwide hypertext publishing tool, a system to resolve copyright disputes, and a meritocratic forum for discussion and debate. By putting all information within reach of all people, Xanadu was meant to eliminate scientific ignorance and cure political misunderstandings. And, on the very hackerish assumption that global catastrophes are caused by ignorance, stupidity, and communication failures, Xanadu was supposed to save the world.119

Technologische Visionen werden somit beim Xanadu-Projekt zum Auslöser mediendemokratischer Utopien, doch mangels einer tatsächlichen Implementierung bleibt beides im Bereich der Fiktion. Netzpolitische Visionen jüngeren Datums können sich hingegen auf empirische Medienprodukte berufen, die eine kommunikative Plattform für eine ganz besondere Form menschlichen Zusammenseins bilden: die virtuelle Gemeinschaft oder Online-Community, die sich über imformationstechnologische Kommunikationsformen konstituiert. Mit der Verbreitung des Wiki-Prinzips scheint die soziale Dimension des Internets wieder an Bedeutung zu gewinnen, nachdem der Versuch, Online-Communities durch hohen Investitionsaufwand mehr oder minder künstlich zu konstruieren und aus ihnen ökonomischen Nutzen zu ziehen, mit dem Ende der Internet-Euphorie der 1990er Jahre gescheitert war.120

Vor einer näheren Betrachtung des Wikipedia-Projekts soll zunächst ein partieller Einblick in das Phänomen der Online Communites gegeben werden.

Fußnoten:

111 Das Scheitern einer Umsetzung des Xanadu-Projekts hat nicht selten zu spöttischen Äußerungen über dessen Initiator geführt. In seiner Polemik The Curse of Xanadu führt Gary Wolf Nelsons Begeisterung für die Vorstellung nicht-linearer Textrepräsentation auf dessen angeborene Konzentrationsschwäche zurück und sieht den Hauptgrund für die fehlgeschlagene Implementierung von Xanadu in Nelsons persönlicher Eigenart, Dinge nicht zu Ende bringen zu können: „Xanadu, the ultimate hypertext information system, began as Ted Nelson's quest for personal liberation. The inventor's hummingbird mind and his inability to keep track of anything left him relatively helpless. He wanted to be a writer and a filmmaker, but he needed a way to avoid getting lost in the frantic multiplication of associations his brain produced. His great inspiration was to imagine a computer program that could keep track of all the divergent paths of his thinking and writing. To this concept of branching, nonlinear writing, Nelson gave the name hypertext.“ Wolf, Gary: „The Curse of Xanadu [Seite 2]“. In: Wired Magazine (06.1995). URL: http://www.wired.com/wired/archive/3.06/xanadu.html?pg=2&topic = (21.03.2005).

112 Project Xanadu (Homepage). URL: http://xanadu.com/ (21.03.2005).

113 Project Xanadu (Homepage). URL: http://xanadu.com/ (21.03.2005).

114 The Xanadu Model. URL: http://xanadu.com/xuTheModel/ (21.03.2005).

115 Vgl. Transcopyright for the Web. URL: http://xanadu.com/tco/index.html (21.03.2005).

116 Vgl. „Micropayment“. In: de.wikipedia.org (08.03.2005, 10:59). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Micropayment (21.03.2005, 18:54).

117 The Xanadu Model. URL: http://xanadu.com/xuTheModel/ (21.03.2005).

118 Vgl. „Hacker“. In: de.wikipedia.org (19.03.2005, 13:17). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Hacker (22.03.2005, 19:53).

119 Wolf, Gary: „The Curse of Xanadu [Seite 1]“. In: Wired Magazine (06.1995). URL: http://www.wired.com/wired/archive/3.06/xanadu.html?pg=1&topic = (22.03.2005).

120 Vgl. Eigner, Christian / Nausner, Peter: „Wilkommen, ‚Social Learning’!“. In: Eigner, Christian u.a.: Online-Communities, Weblogs und soziale Rückeroberung des Netzes. Graz: Nausner & Nausner, 2003. S.52-94.