3.2 Wikis als Verwirklichung von Hypertextvisionen?

Das World Wide Web hat sich zum heutigen Zeitpunkt als weltweit größtes und bedeutendstes Hypertext-System etabliert. Tim Berners-Lee hat 1989/90 im Rahmen einer Initiative des CERN. European Laboratory for Particle Physics ein elektronisches, auf einer komplexen Verweisstruktur basierendes Informationssystem entworfen,104 aus dem sich im Laufe der folgenden Jahre das globale WWW entwickeln sollte. Noch Ende der 1990er Jahre äußerte sich Berners-Lee allerdings weitgehend enttäuscht über die überwiegende Statik des Webs und sah dessen interaktives Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft: „The idea was not just that it should be a big browsing medium. The idea was that everybody would be putting their ideas in, as well as taking them out.“105

Sowohl in seinem visionären Anspruch als auch in der praktischen Umsetzung konnte sich Berners-Lee auf Vorgänger berufen, die in der Hypertextgeschichte geradezu den Status von Klassikern einnehmen: Als Ursprung der Hypertext-Idee gilt Vannevar Bushs utopischer Entwurf einer analog funktionierenden Maschine zur Datenverarbeitung namens Memex (Memory Extender), wie sie der amerikanische Wissenschaftler in seinem 1945 veröffentlichten Aufsatz As We May Think beschreibt.106 „Hypertext“ als Oberbegriff für nicht-linear strukturierte Textformen wurde in den 1960er Jahren von Ted Nelson geprägt.107 Sein Hypertext-Projekt „Xanadu“, das sich seit den 1960er Jahren in Entwicklung befindet, stellt ein hochkomplexes System elektronischer Dokumentenverwaltung dar. Zielvorstellung des Projekts ist „ein Universum von Dokumenten, ein durch und durch parametrisiertes 'Docuverse', in dem kein Begehren unerfüllt bleibt“108 und das die Möglichkeiten des digitalen Mediums auf optimale Weise nutzbar macht.

Sowohl Bushs als auch Nelsons Visionen sollen im folgenden kurz charakterisiert und auf die Funktionalität des Wiki-Prinzips bezogen werden. Diese Gegenüberstellung dient vor allem der Annäherung an die Frage, ob das Wiki-Prinzip durch seine Erweiterungen des interaktiven Spielraums das WWW im Sinne der ursprünglichen Hypertext-Visionen verändern könnte.

Fußnoten:

104 Vgl. Berners-Lee, Tim: Information Management: A Proposal (03.1989/05.1999). URL: http://www.w3.org/History/1989/proposal.html (21.03.2005).

105 Berners-Lee, Tim: The future of the Web - LCS 35th anniversary talk transcript (14.04.1999). URL: http://www.w3.org/1999/04/13-tbl.html (21.03.2005).

106 Bush, Vannevar: As We May Think. (17.10.1996). URL: http://www.w3.org/History/1945/vbush/vbush-all.shtml (12.03.2005).

107 Die universitäre Ankündigung einer Vorlesung aus dem Jahr 1965, in der der Begriff erstmals Verwendung fand, kann auf der Xanadu-Homepage als TIFF-Datei heruntergeladen werden: URL: http://xanadu.com/XUarchive/ccnwwt65.tif (22.03.2005).

108 Porombka, Stephan: Hypertext. Zur Kritik eines digitalen Mythos. München: Fink, 2001. S.70. Porombka setzt sich in seiner Dissertation mit der ideologischen Dimension der zu Klassikern gewordenen Hypertext-Visionen von Bush, Engelbart und Nelson auseinander. Um den Diskurs über den Hypertext als einen von zahlreichen Mythen infiltrierten zu entlarven, argumentiert Porombka allerdings meist weniger technisch als vielmehr psychologisierend – wobei gerade Nelsons Denkansätze subtil als pathologisch dargestellt werden: „[Der] Weg zurück zu den Wurzeln der Gesellschaft führt Nelson allerdings nicht ins Offene, ins Freie, sondern paradoxerweise direkt in die geschlossene Abteilung, die für ihn hinter den hohen Mauern von Xanadu liegt.“ (Porombka 2001, S.75).