4.2.1 Im Spannungsfeld zwischen 'Werk-' und Meta-Ebene

Wie im vorangegangenen Kapitel bereits erläutert wurde, eignen sich Wikis im Vergleich zu anderen computervermittelten Kommunikationsformen besonders gut zur thematischen Verdichtung von Inhalten. Dennoch erweckt das Erscheinungsbild einer Vielzahl von Wikis noch stark den Eindruck einer dialogischen Diskussionsstruktur. Die einzelnen Beiträge einer konventionellen Wiki-Seite – etwa im WikiWikiWeb – lassen sich meist problemlos voneinander unterscheiden und werden zudem häufig mit der Signatur des jeweiligen Autors versehen. Anders bei Wikipedia: Die dem Projekt zugrunde liegende Wiki-Software „Mediawiki“ ermöglicht den Autoren das Schreiben auf zwei Textebenen – dem eigentlichen Artikel und der dazugehörigen Meta-Diskussion. Durch die Auslagerung der Diskussionsebene entstehen auf der Artikelebene homogen wirkende 'Werk'-Einheiten, die sich auf den ersten Blick keinen individuellen Autoren zuordnen lassen.143

Während also im Artikeltext die Nennung der Autoren nicht vorgesehen ist, spielen die Namen bzw. Pseudonyme der Autoren in der darunter liegenden Diskussionsebene eine wichtige Rolle, um sich über inhaltliche und formale Fragen verständigen zu können. Diese Doppelstruktur der Wikipedia ist für die Frage nach kollaborativen Konzepten von Autorschaft von höchster Bedeutung. Bevor ein individueller Autor entscheidende Veränderungen am Artikeltext vornimmt, stellt er diese (im Idealfall) auf der zugehörigen Diskussionsseite zur Debatte.144 Der Artikeltext repräsentiert damit geradezu eine werkähnliche Ganzheit, während sich der kommunikative Prozess der Kollaboration auf der Meta-Ebene der Diskussion abspielt. Die Analogie von Wikis zu den printmedialen Merkmalen der Buchform wurde bereits in der allgemeinen Einführung zum Wiki-Prinzip erwähnt. Durch die Zweiteilung in eine 'Werk'- und eine Meta-Ebene erfährt das Potenzial nicht-linearer Hypertexte eine wesentliche Erweiterung.

Fußnoten:

143 Die individuellen Änderungen am Artikeltext können zwar über die Versionsgeschichte lückenlos nachvollzogen werden, doch wird wohl kaum ein Benutzer der Enzyklopädie, der auf der Suche nach schnellen Informationen ist, davon gebrauch machen.

144 Wird auf der Diskussionsebene kein Konsens gefunden, so kann es zu einem 'Edit-War' kommen: Die Meinungsverschiedenheit wird dann auf der Artikelebene ausgetragen, d.h. Veränderungen des konkurrierenden Autors werden so lange überschrieben, bis eine der konkurrierenden Parteien aufgibt.