4.2.4 Machtstrukturen und Demokratieprobleme

Aufgrund ihres hohen Interaktionspotenzials werden die technischen Kollaborationswerkzeuge, die für die synchrone und asynchrone Kommunikation in Online Communities zum Einsatz kommen, auch als „Social Software“ bezeichnet. Besonders in virtuellen Gemeinschaften mit hoher Teilnehmerzahl erreicht die soziale Dynamik einen sehr hohen Komplexitätsgrad. Die radikal offenen Publikationsbedingungen und infolgedessen die Bildung einer in vielerlei Hinsicht heterogenen Autorengemeinschaft führt gerade bei Wikipedia zu einer Reihe von Organisationsproblemen mit hohem Konfliktpotenzial, die im Rahmen der Selbstreflektion des Projekts ausgiebig diskutiert werden. Eine Seite, die sich mit dem internen Machtgefüge der Community befasst, führt nicht weniger als sechs Analogien zu Staatsformen auf, deren Merkmale innerhalb der Wikipedia eine Rolle spielen und sich zwischen Vorstellungen von Diktatur und Demokratie bewegen.156 Mit dem Wachstum einer Wiki-Community gehen zwangsläufig zunehmende Schwierigkeiten bei der Konfliktlösung einher. Während kleinere Gruppen noch relativ flexibel bei Problemen agieren können, tendieren große Gemeinschaften zur Erstellung formaler Regeln. Die Frage, wie diese Regeln in einer virtuellen Gemeinschaft aber überhaupt festgelegt werden können, wirft das paradoxe Problem auf, das zunächst einmal Regeln für die Erstellung von Regeln aufgestellt werden müssen. Diese „ConstitutionalCrisis“, wie sie im Meatball-Wiki bezeichnet wird,157 scheint jedenfalls eine unvermeidliche Stufe in der Entwicklung langlebiger und sich weitgehend selbst organisierender Online Communities zu sein: „And the worst crisis is the first crisis, because it's not just 'We need to have some rules.' It's also 'We need to have some rules for making some rules.'“158

Eine Sonderstellung nimmt in virtuellen Gemeinschaften der Wiki-Gründer ein, bzw. derjenige, der die technische Plattform und finanzielle Mittel zur Verfügung stellt und eventuell auch eine leitende Funktion übernimmt. Je nachdem, wieviel organisatorischer Spielraum den Mitgliedern der Gemeinschaft zur Verfügung steht, reicht die Spannweite des möglichen „Führungsstils“ vom Laissez-faire eines „benevolent dictators“ bis hin zur absoluten Verfügungsgewalt eines so genannten „GodKings“.159 Beispiele für prominente Gründerpersönlichkeiten sind Ward Cunningham (WikiWikiWeb) und Wikipedia-Initiator Jimmy Wales. Die Leitung des Wikipedia-Projekts wurde mittlerweile auf die gemeinnützige Wikimedia-Stiftung übertragen, dessen fünfköpfigem Kuratorium Wales allerdings als Vorsitzender auf Lebenszeit angehört.160

Mit der Vorstellung einer „Diktatur“ des Gründers korrespondiert innerhalb der Community die Herausbildung einer meritokratisch organisierten Hierarchie, einer „Herrschaft der Verdienten“: Wer durch besonderen Einsatz für die Ziele der Gemeinschaft hervorgetreten ist, erhält neben einer erhöhten Reputation nicht selten auch erweiterte technische Befugnisse. Dabei spielen vor allem administrative Tätigkeiten eine Rolle, beispielsweise das endgültige Löschen von Inhalten aus der Datenbank oder das Sperren unliebsamer Benutzer. So bildet sich in der Anfangsphase einer Online Community meist ein gewissermaßen fester Kern von Mitgliedern, die sich stark mit den Projektzielen identifizieren und gegenüber später hinzukommenden Teilnehmern eine Art „Heimvorteil“ zu haben scheinen. Gerade bei offen und transparent ausgerichteten Unternehmungen wie Wikipedia kann diese Wahrnehmung zu erheblichen Kontroversen führen. In welchem Ausmaß sich dabei die Aktivität der Teilnehmer vom eigentlichen Ziel – der Erstellung einer Enzyklopädie – in den Bereich von Meta-Diskussionen verlagert, soll im Kapitel 5.1.4 noch beispielhaft erörtert werden.

Das Wikipedia-Projekt nennt sich selbst eine „freie Enzyklopädie“. Interne Unstimmigkeiten sind oftmals wohl nicht zuletzt der Doppeldeutigkeit des Attributs „frei“ geschuldet, das zum einen auf die Erstellung „freier Inhalte“ verweist, zum andern aber auch bezüglich der offenen Publikationsverhältnisse und damit im Sinne einer netzpolitischen Dimension interpretiert werden kann – womit die Frage nach der möglichen Verwirklichung „demokratischer“ Strukturen aufgeworfen wird. Eine nähere Betrachtung der wikipedia-internen Diskussion lässt das hohe Konfliktpotenzial dieses Problems deutlich hervortreten.

Als Empfehlungen für unerfahrene Wikipedia-Autoren kursieren in der internen Diskussion die anarchistisch anmutenden Ratschläge „Ignoriere alle Regeln“161 und „Nimm nicht an Abstimmungen teil“,162 die sich auf die bereits angesprochene Problematik der Erstellung von Regeln für die Erstellung von Regeln beziehen. Die Frage, in welchem Ausmaß sich ein kollaboratives Wissensprojekt wie Wikipedia „demokratisch“ organisieren lässt, tritt vor allem bei der Problematik des internen Konsens- und Entscheidungsfindungsprozesses zutage. Denn Abstimmungen können keineswegs als repräsentativ im Sinne demokratischer Wahlen betrachtet werden, da sich daran jeweils nur ein kleiner, interessierter Kreis von Teilnehmern beteiligt. Zudem besteht aufgrund der fehlenden Identitätsprüfung und pseudonymer Registrierung die Möglichkeit, sich mehrere Benutzer-Accounts anzulegen, womit eine einzelne Person über mehrere abstimmungsberechtigte Benutzer verfügen würde.163

Den Ausgangspunkt für Konflikte bilden zumeist die höchst unterschiedlichen Vorstellungen der Benutzer über das eigentliche „Wesen“ der Wikipedia, ob sich das Projekt vor allem an den traditionsreichen und verlässlichen Druck-Enzyklopädien orientieren oder ob man den thematisch eher breit angelegten Charakter einer heterogenen Wissensdatenbank anstreben soll. Beispielhaft ist in diesem Zusammenhang die Diskussionsseite der so genannten „Löschkandidaten“.164 Dort werden Beiträge zur endgültigen Löschung vorgeschlagen, die z.B. im Verdacht einer Urheberrechtsverletzung stehen oder aber als für eine allgemeine Enzyklopädie nicht relevant genug angesehen werden – was mitunter zu hitzigen Diskussionen führt. Kommt es zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten, bei denen größere Benutzergruppen involviert sind, so kann dies mitunter zur Spaltung der Community, einem so genannten „Fork“, führen: Da sämtliche Wikipedia-Inhalte unter der freien Lizenz GNU-FDL stehen (vgl. Kap.5.2.1), steht es jedem Benutzer frei, den bisherigen Artikelbestand zu übernehmen und ein alternatives Projekt ins Leben zu rufen – unter der einzigen Bedingung, dass die weiterverarbeiteten Inhalte ebenfalls per GNU-FDL lizenziert sind. Zu einer derartigen Abspaltung ist es beispielsweise Anfang 2002 innerhalb der Spanischen Wikipedia gekommen, als die Möglichkeit einer Finanzierung des Projekts über Werbung zur Debatte stand. Parallel zur „offiziellen“ Wikipedia existiert seitdem die auf der gleichen Software basierende Enciclopedia Libre Universal en Español, die sich in durchaus vergleichbarem Ausmaß weiterentwickelt.165 Auch in der deutschsprachigen Wikipedia lassen sich Aufspaltungstendenzen beobachten. Zum einen werden Projekte ins Auge gefasst, die sich eher dem Charakter traditioneller Enzyklopädien verpflichtet sehen und versuchen, das offene Wiki-Prinzip der Wikipedia in abgeschlossenere Systeme zu überführen und damit höhere Qualitätsmaßstäbe zu verwirklichen.166 Zum andern stellt die exklusive Vergabe administrativer Befugnisse und deren möglicher Missbrauch zur Durchsetzung individueller Interessen bei der wachsenden Teilnehmerzahl zunehmend ein Problem dar. Stark divergierende Vorstellungen über den „demokratischen“ Charakter der Wikipedia, wie sie exemplarisch in Kapitel 5.1.4 zum Ausdruck kommen, rücken die Initiierung eines Parallelprojekts, bei dem alle Beteiligten die gleichen Nutzungsrechte besitzen, zumindest in den Bereich des Möglichen.

Fußnoten:

156 „Power structure“ In: Wikimedia Meta-Wiki (24.02.2005, 02:40). URL: http://meta.wikimedia.org/wiki/Power_structure (24.03.2005, 16:55).

157 Vgl. Anm.129.

158 Shirky, Clay: „A Group Is Its Own Worst Enemy“. (01.07.2003) In: Clay Shirky's Writings About the Internet. URL: http://www.shirky.com/writings/group_enemy.html (25.03.2005).

159 Vgl. „BenevolentDictator“. In: Meatball-Wiki (01.06.2004, 08:16). URL: http://www.usemod.com/cgi-bin/mb.pl?BenevolentDictator (25.03.2005, 17:43).

160 Vgl. „Kuratorium“. In: Wikimedia Foundation (13.03.2005, 13:09). URL: http://wikimediafoundation.org/wiki/Kuratorium (25.03.2005, 18:08). In einem Interview mit dem Magazin Spiegel Online beschreibt sich Wales selbst als „eine Art konstitutioneller Monarch“, der bei unlösbaren Konflikten innerhalb der Community die endgültige Entscheidungsgewallt inne hat. Vgl. „'Ich bin die Königin von England'“. Interview mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. In: Spiegel Online (07.01.2005). URL: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,335301,00.html (13.03..2005).

161 „Wenn eine Regel dich soweit nervös macht und deprimiert, dass du nicht mehr bei Wikipedia mitarbeiten möchtest, dann ignoriere sie und mach weiter wie bisher“. „Wikipedia:Ignoriere alle Regeln“. In: de.wikipedia.org (27.02.2005, 17:57). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Ignoriere_alle_Regeln (25.03.2005, 19:17).

162 „Wikipedia:Nimm nicht an Abstimmungen teil“. In: de.wikipedia.org (21.03.2005, 23:23). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Nimm_nicht_an_Abstimmungen_teil (25.03.2005, 19:21).

163 Um dieser Form des Missbrauchs vorzubeugen – z.B. bei Abstimmung über Administratoren-Kandidaten, wurde in der deutschsprachigen Wikipedia die Regel eingeführt, dass ein Benutzer mindestens fünfzig Bearbeitungen im Artikelraum vorgenommen haben muss, um abstimmungsberechtigt zu sein. Vgl. „Wikipedia:Adminkandidaten“. In: de.wikipedia.org (25.03.2005, 19:38). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Adminkandidaturen (25.03.2005, 19:40).

164 „Wikipedia:Löschkandidaten“. In: de.wikipedia.org (25.03.2005, 19:58). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:L%C3%B6schkandidaten (25.03.2005, 20:01).

165 Enciclopedia Libre Universal en Español. URL: http://enciclopedia.us.es (25.03.2005).

166 An einem derartigen Fork arbeitet derzeit beispielsweise Benutzer:Ulrich.fuchs, der sein Konzept auf seiner persönlichen Diskussionsseite veröffentlicht hat. Vgl. „Benutzer_Diskussion:Ulrich.fuchs [Fork]“. In: de.wikipedia.org (25.03.2005, 13:01). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer_Diskussion:Ulrich.fuchs (25.03.2005, 20:34).