5.1.2 Zum Problem anonymer und pseudonymer Autorschaft

The user who visits Wikipedia to learn about some subject, to confirm some matter of fact, is rather in the position of a visitor to a public restroom. It may be obviously dirty, so that he knows to exercise great care, or it may seem fairly clean, so that he may be lulled into a false sense of security. What he certainly does not know is who has used the facilities before him.181

Robert McHenry

They're getting nervous about us. :)182

User:Decumanus

Zwar dürfte der Vergleich mit einer öffentlichen Toilette wenig schmeichelhaft für die Wikipedia-Autoren erscheinen, doch schon die Tatsache, dass sich ein ehemaliger Chefredakteur der renommierten Encyclopaedia Britannica veranlasst sieht, in derart drastischer Weise gegen das Prinzip kollaborativer Autorschaft zu polemisieren, kann wohl als Symptom dafür gedeutet werden, dass das noch junge Wikipedia-Projekt bereits jetzt als Konkurrenz zu den traditionsreichen gedruckten Nachschlagewerken wahrgenommen wird. Natürlich erfordern kollaborativ verfasste Inhalte, deren Autoren sich nicht eindeutig identifizieren lassen, ein erhöhtes Maß an kritischer Rezeption auf Seiten des Lesers. Besonders bei kontroversen Themen ist ein Blick auf die dem Artikel zugeordnete Diskussionsseite häufig sehr aufschlussreich und erlaubt dem Leser, sich ein Bild über die verschiedenen Standpunkte zu machen.

Da bei Wikipedia im Artikeltext grundsätzlich keine Nennung der Autoren erfolgt, verlagert sich die Bedeutung des Autorennamens in den Bereich der Meta-Diskussion. So tritt die Problematik anonymen und pseudonymen Publizierens vor allem in der internen Kommunikation des Projekts in besonderem Ausmaß zutage.

In dieser Hinsicht ist die grundsätzliche Namenspolitik, die eine Online Community verfolgt, von entscheidender Bedeutung. In vielen Wikis gilt die Vereinbarung, dass Beiträge mit dem RealNamen des Autors signiert werden sollten, wobei die Einhaltung dieser Regel je nach Community unterschiedlich streng verfolgt wird und oftmals auch anonyme oder pseudonyme Beiträge akzeptiert werden.183 Bei Wikipedia ist die Möglichkeit der anonymen bzw. pseudonymen Mitarbeit ein konstitutives Prinzip – zumindest in ihrer momentanen Ausrichtung. Sofern sich die Identität eines Benutzers nicht durch reale Treffen feststellen lässt – in vielen Städten finden mittlerweile regelmäßige Zusammenkünfte aktiver Wikipedianer statt – weiß der Teilnehmer kaum, mit wem er es beim kollaborativen Verfassen der Artikel zu tun hat. Eine Reihe grundlegender Probleme der radikal offenen Namenspolitik bei Wikipedia soll deshalb im folgenden kurz dargestellt werden.

Die Verwendung des RealNamens hat wohl vor allem den Vorteil einer Versachlichung der Textproduktion und dürfte zu einer konstruktiven Arbeitsatmosphäre beitragen. Seine wahre Identität in Communities von der Größe und Komplexität der Wikipedia preiszugeben, bietet aber auch einige potenzielle Gefahren, die man zuvor abschätzen sollte. Aufgrund der offenen Publikationsbedingungen ist es in Wikipedia ohne weiteres möglich, Beiträge unter falscher Signatur zu verfassen oder gar Beiträge anderer Benutzer nachträglich zu manipulieren und auf diese Weise Diskussionen zu verfälschen und registrierte Benutzer in Misskredit zu bringen. Außerdem besteht die Möglichkeit, irreführende Benutzer-Accounts einzurichten, die dem eines realen Benutzers stark ähneln, beispielsweise „Vorname_Nachname“ statt „Vorname.Nachname“ usw. Da Wikipedia-Beiträge öffentlich über eine große Zahl von Suchmaschinen abrufbar sind, kann dies Unangenehme Folgen nach sich ziehen – beispielsweise wenn man nicht auf die persönliche Homepage des Autors, sondern auf einen gefälschten und möglicherweise verunglimpfenden Diskussionsbeitrag gelangt.184 Desweiteren zieht die freie Namenspolitik der Wikipedia auch Konsequenzen nach sich, die zu erheblichen Schwierigkeiten bei der Selbstorganisation des Projekts führen, für die noch keine überzeugende Lösung in Sicht ist. Dies wird besonders beim Problem der Konsensfindung durch Abstimmungen oder 'Meinungsbilder' deutlich. Zwar wird im allgemeinen erwartet, dass sich ein Teilnehmer auf einen Benutzernamen beschränkt und somit im Rahmen der Online-Kommunikation „identifizierbar“ ist. Da jedoch generell auf eine Identitätsprüfung bei der Anmeldung verzichtet wird, ist niemand daran gehindert, sich mehrere Benutzer-Accounts – so genannte „Sock Puppets“185 - einzurichten und dadurch gegebenenfalls verschiedene Identitäten bei Abstimmungen und Diskussionen vorzutäuschen. Derartige Zweit- bzw. Mehrfach-Accounts lassen sich relativ schwer aufdecken. Werden Sie aber als solche erkannt, erfolgt nicht selten eine Sanktionierung durch Löschung dieser Benutzerkonten, da Sie als empfindliche Störung der konstruktiven Kommunikation in Online Communities empfunden werden:

Die gegen sock puppets gerichtete Konvention orientiert sich an Umgangsformen in der "realen" Welt außerhalb des Internets. Dort, im "Real Life", wird erwartet, dass normalerweise jede Person genau eine Identität hat. 186

Fußnoten:

181 McHenry, Robert: “The Faith-Based Encyclopedia”. (15.11.2004). In: TCS. Tech Central Station. URL: http://www.techcentralstation.com/111504A.html (04.03.2005). McHenry ist ein ehemaliger Chefredakteur der Enzyklopaedia Britannica und bezweifelt in seiner Polemik die Glaubwürdigkeit der von einer Vielzahl anonymer Autoren verfassten Wikipedia-Artikel. Als Beispiel analysiert er die Versionsgeschichte des Artikels “Alexander Hamilton” und zeigt, dass sich die Qualität der kollaborativ erstellten Texte im Laufe ihrer Genese nicht nur verbessern, sondern auch verschlechtern kann. Kurz nach dem Erscheinen von McHenrys Kritik war der Fehler bereits ausgebessert.

182 Kommentar eines Benutzers der englischsprachigen Wikipedia auf der Diskussionsseite des von McHenry kritisierten Artikels. „User:Decumanus“. „Talk:Alexander Hamilton (The Faith-Based Encyclopedia)“. In: en.wikipedia.org. (15.11.2004, 22:49) URL: http://en.wikipedia.org/wiki/Talk:Alexander_Hamilton#The_Faith... (04.03.2005, 15:31).

183 Natürlich lässt sich auch die Echtheit eines plausibel klingenden RealNamens in der Netzkommunikation kaum überprüfen. Zur Komplexität dieses Problems vgl. „RealNames“ In: Meatball-Wiki (18.01.2005, 11:47). URL: http://www.usemod.com/cgi-bin/mb.pl?RealName (17.03.2005, 10:18).

184 Inwieweit das böswillige Manipulieren von Benutzerbeiträgen tatsächlich praktiziert wird, sollte anhand des Fallbeispiels in Kap.5.1.4 noch genauer ersichtlich werden.

185 Vgl. „SockPuppet“. In: Meatball-Wiki (30.06.2004, 03:44). URL: http://www.usemod.com/cgi-bin/mb.pl?SockPuppet (18.03.2005, 11:21). Die entgegengesetzte Möglichkeit, dass sich mehrere Benutzer eine Online-Identität teilen, wird im Meatball-Wiki als „Dramatic Identity“ bezeichnet, vgl. „DramaticIdentity“ In: Meatball-Wiki (01.06.2004). URL: http://www.usemod.com/cgi-bin/mb.pl?DramaticIdentity (18.03.2005, 11:26).

186 „Sock puppet“. In: de.wikipedia.org (04.03.2005, 19:39). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Sock_puppet (18.03.2005, 13:24).