5.2.1 OS-INT: Open-Source Intelligence

Welche rechtlichen und ökonomischen Konsequenzen die Entwicklungen des aktuellen Medienwandels letztendlich nach sich ziehen werden, lässt sich vom gegenwärtigen Standpunkt aus schwer prognostizieren. So geht beispielsweise Giesecke hinsichtlich des Urheberrechts von mehreren Jahrzehnten aus, „bis sich eine den elektronischen Medien angepasste juristische Form“207 entwickelt haben dürfte.

Das Prinzip „freier Inhalte“ ist noch sehr jung und in engem Zusammenhang mit der Open-Source-Bewegung zu sehen, die sich seit Mitte der 1980er Jahre für die Produktion und Distribution freier Software-Produkte einsetzt.208 Während kostenlose und frei verfügbare Computerprogramme – etwa das Office-Paket openoffice.org – zunehmend in Konkurrenz zu proprietären Software-Produkten treten, machen „freie Inhalte“ derzeit wohl noch einen sehr geringen Teil der im Netz publizierten Inhalte aus. In oppositioneller Stellung zum Prinzip 'geistigen Eigentums' „entstehen freie Inhalte aus dem Gedanken, dass die rigide Einschränkung der Verbreitung von ihrer Natur nach immateriellen Gütern den Austausch von Wissen und Ideen behindere“, wie im Wikipedia-Artikel zum Thema zu lesen ist.209

Analog zur „Open-Source Software“ verwenden Felix Stalder und Jesse Hirsh für die kollaborative Erstellung freier Inhalte den Begriff „Open-Source Intelligence“ (OS-INT).210 Traditionelle Copyright-Formen, die dem Urheber exklusive Verwertungsrechte zusichern, können in kollaborativen Systemen wie der Wikipedia schon alleine deshalb nicht greifen, da die Möglichkeit der Weiterverwendung und -bearbeitung von Inhalten für das Funktionieren des Wiki-Prinzips konstitutiv ist. Einen Versuch, dieses Problem zu lösen, stellt das so genannte Copyleft-Verfahren dar, das – wie die Bezeichnung bereits erahnen lässt – eine Umkehrung bestimmter Eigenschaften des traditionellen Copyrights darstellt. Mittels Copyleft-Lizenzen soll vor allem gewährleistet werden, dass freie Inhalte auch nach ihrer Weiterverwendung oder -bearbeitung frei bleiben, d.h. unter der gleichen Lizenz zur Verfügung gestellt und nicht im Sinne kommerzieller Einzelinteressen genutzt werden. Neben der Verpflichtung, die verwendeten Inhalte wieder unter die gleiche Lizenz zu stellen, verlangen Copyleft-Lizenzen meist auch die namentliche Nennung des Autors bzw. der Autoren.

Die Inhalte der Wikipedia werden unter der GNU Free Documentation License (GNU-FDL oder GFDL) veröffentlicht, die ursprünglich für Handbücher und Dokumentationen freier Software-Projekte entwickelt wurde.211 Diese Lizenz scheint allerdings innerhalb der Wikipedia-Community zunehmend in die Kritik zu geraten:

Bemängelt wird dabei vor allem, dass die Lizenz im Vergleich zu anderen, später entstandenen Lizenzen für Freie Inhalte zu kompliziert sei. Vor allem die Pflicht, den vollständigen Lizenztext zu veröffentlichen, erschwert die Übernahme von kürzeren Texten erheblich. Außerdem liegt die Lizenz nur in einer englischsprachigen Fassung vor – es gibt lediglich inoffizielle, nicht rechtsverbindliche Übersetzungen.212

Eine Initiative, die versucht differenziertere Lizenzierungsmodelle für freie Inhalte zu entwickeln, ist das von dem Juristen Lawrence Lessing initiierte Projekt Creative Commons. Ein großer Vorteil von Creative-Commons-Lizenzen besteht darin, dass sich unterschiedlich abgestufte Nutzungsrechte für kreative Inhalte jeder Art zusammenstellen lassen. Zudem existieren mittlerweile Lizenzen, die auf die jeweiligen nationalen Urheberrechtsbestimmungen zugeschnitten sind.213

Ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass als „frei“ bezeichnete Inhalte nicht unbedingt im Sinne von völlig gemeinfrei zu verstehen sind, scheint sich noch nicht durchgesetzt zu haben. Für Furore sorgte im Februar 2005 der Fall, als das renommierte Nachrichten-Magazin Spiegel Online mit den Lizenzbestimmungen von Wikipedia in Konflikt geriet. Spiegel Online veröfftentlichte einen Artikel über den Völkermord in Ruanda, der in weiten Teilen aus wörtlichen Passagen eines Wikipedia-Artikels bestand, ohne dass dabei die Quelle genannt wurde – womit ein klarer Verstoß gegen die GNU-FDL vorlag. Nachdem dies aufgedeckt wurde, verbreitete sich der Vorfall mit rasanter Geschwindigkeit im Netz, wodurch sich die Chefredaktion von Spiegel Online gezwungen sah, ein Entschuldigungsschreiben zu veröffentlichen.214 Von Teilnehmern der Wikipedia wurde der transparente Umgang mit dem Vorfall in einem offenen Brief begrüßt.215

Hinsichtlich juristischer Fragen herrscht bei Wikipedia allerdings noch viel Unklarheit. Im März 2005 wurde auf wikimedia.de ein Dokument veröffentlicht, welches verschiedene rechtliche Aspekte des kollaborativen Projekts behandelt.216

Fußnoten:

207 Giesecke 2002, S.247f.

208 Vgl. Grassmuck, Volker: Freie Software. Zwischen Privat- und Gemeineigentum. Bonn: bpb, 2002.

209 „Freie Inhalte“. In: de.wikipedia.org (08.03.2005, 22:18). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Inhalte (19.03.2005, 16:12). Vgl. hierzu Anm.59.

210 Vgl. Stalder, Felix / Hirsh, Jesse: „Open Source Intelligence”. (20.05.2002). In: First Monday. URL: http://www.firstmonday.dk/issues/issue7_6/stalder/ (14.02.2005). Der Begriff “Open-Source Intelligence” bezeichnet ursprünglich die vorwiegend nachrichtendienstliche Analyse und Verwertung von Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen wie etwa Zeitungen, Zeitschriften, Telefonbüchern usw., vgl. “Open Source Intelligence”. In: en.wikipedia.org (07.02.2005, 22:13). URL: http://en.wikipedia.org/wiki/Open_source_intelligence (19.03.2005, 16:53).

211 Vgl. „GNU Free Documentation License“ (28.06.2003). URL: http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html (19.03.2005).

212 „GNU-Lizenz für freie Dokumentation“. In: de.wikipedia.org (13.03.2005, 14:41). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/GNU-Lizenz_f%C3%BCr_freie_Dokumentation (19.03.2005, 17:44).

213 Vgl. „Creative Commons Worldwide“. URL: http://creativecommons.org/worldwide/ (19.03.2005).

214 „Bedauerlicher Fehler bei SPIEGEL ONLINE“. In: Spiegel Online (24.02.2005). URL: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,343465,00.html (19.03.2005).

215 „Benutzer:Mathias Schindler/offener Brief an SpOn [Finale Version des Offenen Briefes an Spiegel Online]“ In: de.wikipedia.org (09.03.2005, 21:43). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Mathias_Schindler/offener_Brief_an_SpOn (19.03.2005, 18:59).

216 „Ausgewählte rechtliche Aspekte der Erstellung von Beiträgen für Wikipedia“. (08.03.2005). URL: http://www.wikimedia.de/files/Rechtsfragen_Maerz_2005.pdf (19.03.2005).