6.2 Momentaufnahmen: WikiReader und Distributionen

Mittlerweile existieren im deutschsprachigen Bereich der Wikipedia verschiedene Ansätze, um die bearbeitungsoffenen Inhalte in abgeschlossene 'Werk'-Formen zu überführen. Zu nennen ist hier zunächst das Projekt der so genannten WikiReader. Dabei handelt es sich um „eine unregelmäßig erscheinende Heftreihe mit unterschiedlichen Herausgebern, welche ausgewählte Wikipedia-Artikel thematisch bündelt und in einer redaktionell aufbereiteten Form präsentiert.“225 Der erste WikiReader erschien im März 2004 und behandelte das Thema 'Schweden', weitere Hefte zu verschiedenen Themengebieten folgten. Die WikiReader stehen als PDF-Dateien (Portable Document Format) zum Download bereit, es können aber auch gedruckte Exemplare in einem eigens dafür eingerichteten Shop bestellt werden.226

Während sich einzelne und überschaubare Themenbereiche noch relativ einfach redaktionell überarbeiten lassen, stellt der Versuch, den gesamten Inhalt der Enzyklopädie offline verfügbar zu machen, ein weitaus problematischeres Unterfangen dar. Zu einer ersten Offline-Distribution sämtlicher Artikeltexte und ausgewählter Bilder auf CD-Rom kam es im Herbst 2004. Engagierte Wikipedianer und der im Bereich digitalen Publizierens erfahrene Berliner Verlag Directmedia Publishing GmbH nahmen das Projekt gemeinsam in Angriff. Die Distribution erschien als Sonderband der Reihe „Digitale Bibliothek“, wobei die Wikipedia-Inhalte in das proprietäre Digibib-Format konvertiert werden mussten. Am 1. September 2004 wurde eine Momentaufnahme sämtlicher Inhalte der Online-Enzyklopädie vorgenommen. Bis zum 9. September 2004 wurde dieser „Schnappschuss“ von einem aus ca. 70 Wikipedia-Teilnehmern bestehenden Team im Rahmen eines End-Review-Prozesses von allen Nicht-Artikeln und erkannten Urheberrechtsverletzungen bereinigt. „Kritische“ Artikel wurden einer genaueren Endredaktion unterzogen. Die Bewältigung der riesigen Textmasse erwies sich zeitaufwändiger als erwartet, wodurch sich eine 20-tägige Verspätung ergab, bevor die endgültige Master-CD fertiggestellt werden konnte. Mit insgesamt 131.976 Artikeln und etwa 1.200 urheberrechtlich unbedenklichen Bildern erschien die Wikipedia-CD-Rom schließlich am 19. Oktober 2004 in einer Auflage von über 40.000 Exemplaren, wovon etwa 10.000 im regulären Buchhandel landeten (die CD-Rom konnte dort gegen eine Schutzgebühr von 3,- Euro erstanden werden), 30.000 wurden an registrierte Kunden von Directmedia versandt. Die Offline-Version der Enzyklopädie wurde zudem als ISO-Image kostenlos zum Download angeboten und erschien im Februar 2005 als Beilage verschiedener Computer-Zeitschriften.227 Insgesamt kann der erste Versuch einer „eingefrorenen“ Wikipedia-Version als Erfolg bezeichnet werden, auch wenn viele Probleme zunächst unterschätzt worden waren, wie der auf Wikipedia veröffentlichte Erfahrungsbericht des Projekts verdeutlicht.228

Die zweite Offline-Distribution der Wikipedia erschien nach einigen Verzögerungen am 6. April 2005, wiederum in Kooperation mit Directmedia Publishing. Die seit der Herbstausgabe 2004 stark angewachsene Datenmenge überstieg die Speicherkapazität einer CD-Rom, weshalb die Ausgabe Frühjahr 2005 als DVD-Rom erschien. Damit Interessierte ohne DVD-Laufwerk nicht ausgeschlossen sind, wurde der Veröffentlichung eine bootfähige CD-Rom unter der Linux-Distribution LAMPPIX beigelegt.229

Zwar ist auch die DVD-Version ein Schnappschuss eines bestimmten Bearbeitungsstands der gesamten Wikipedia (3. März 2005, 00:00 Uhr), doch erweist sich die zweite Ausgabe der Wikipedia-Distribution in vielen Punkten als ambitionierter als die vorangegangene CD-Rom. So wurde zur Verbesserung der Recherchemöglichkeiten der Bereich der Metadaten optimiert, allen voran ist hier die Erfassung strukturierter Personendaten zu den zahlreichen Biographien im Artikelbestand zu nennen. Bis zum Schnappschuss am 3. März wurden unter Mitarbeit vieler Wikipedianer insgesamt 35.000 Personendatensätze eingepflegt.230 Der Endreview-Prozess verlief ähnlich wie bei der CD-Rom, doch zeigt der Erfahrungsbericht zur zweiten Offline-Ausgabe der Wikipedia, dass man den Arbeitsablauf in vielerlei Hinsicht optimieren konnte.231

Bereits kurz nach ihrem Erscheinen erfreute sich die DVD einer überraschend hohen Nachfrage, so dass die Erstauflage zum Preis von 9,90 Euro pro Exemplar innerhalb weniger Tage restlos ausverkauft war:

Am 6. April ist die DVD erschienen, am 7. April schoss sie auf Platz 1 der Amazon-Software-Charts, die Directmedia-Auslieferung war hoffnungslos überlastet und am 8. April war die Startauflage von 10.000 Exemplaren beim Verlag restlos vergriffen. Ein größerer Teil davon ging direkt in den Buchhandel, so dass die DVD zur Zeit in manchen Buchhandlungen (die an Wikipedia glaubten und größere Mengen orderten) vorrätig, in anderen bereits ausverkauft ist.232

Trotz einer den Möglichkeiten entsprechenden intensiven Endredaktion, können die bisherigen Distributionen nicht als Werkformen im Sinne einer verlässlichen Informationsquelle betrachtet werden, sondern tragen noch stark den Charakter einer Momentaufnahme einer hochgradig dynamischen Textform, die von einem äußerst heterogenen Autorenkollektiv bearbeitet wird. In der Einführung, die der DVD beiligt, wird dieser Umstand aber keineswegs verschwiegen:

Mehr noch als bei herkömmlichen Werken ist bei der Wikipedia kritisches Lesen gefragt. Renommierte Enzyklopädie-Projekte sichern die Richtigkeit der Angaben dadurch, dass sie nur anerkannte Fachleute mit dem Verfassen von Artikeln betrauen. Doch selbst dann geschehen Irrtümer. An Wikipedia kann dagegen jeder mitarbeiten, ohne seine Qualifikationen und seine Intentionen offen zu legen. So stößt man neben fundierten, von Universitätsdozenten und anderen Fachleuten verfassten Artikeln in der Wikipedia durchaus auch auf Schülerarbeiten.233

Der Bearbeitungsdynamik des Wikipedia-Projekts wird auch in der Offline-Distribution Rechnung getragen. Per Mausklick lassen sich die Artikel und zugehörige Diskussionsseiten – vorausgesetzt es besteht eine Verbindung zum Internet – auch online aufrufen, womit man sich über den aktuellen Stand des Artikels informieren und diesen gegebenenfalls auch selbst weiterbearbeiten kann.

Neben dieser Form offline distribuierter Momentaufnahmen gibt es aber auch Bestrebungen, Teile des Artikelbestands der Wikipedia qualitativ zu optimieren und in einer endgültigen Form durch Fachleute autorisieren zulassen. Die prominenteste Initiative in diese Richtung stellt wohl das Projekt „Wikipedia 1.0“ dar.

Fußnoten:

225 „Wikipedia:Wikireader“. In: de.wikipedia.org (10.04.2005, 06:29). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiReader (10.04.2005, 12:09).

226 „WikiReader shop“. URL: http://www.wikireader.de/ (10.04.2005).

227 Sämtliche Daten vgl. „Wikipedia:Wikipedia-CD“. In: de.wikipedia.org (08.04.2005, 22:35). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedia-CD (11.04.2005, 16:58).

228 Vgl. „Wikipedia:Wikipedia-CD/Erfahrungsbericht“. In: de.wikipedia.org (23.03.2005, 02:52). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedia-CD/Erfahrungsbericht (11.04.2005, 17:10).

229 Zudem enthält das Paket Wikipedia-Versionen für Pocket-PC, Palm OS und verschiedene Handys.

230 Zum gemeinschaftlichen Eintippen von Personendaten wurde in den Berliner Räumlichkeiten des Directmedia-Verlags vom 28.-30. Januar 2005 eine so genannte „Tagging Party“ veranstaltet, während der rund 13.000 Datensätze bearbeitet wurden. Vgl. „Wikipedia:Wikipedia Tagging Party“. In: de.wikipedia.org (10.02.2005, 18:13). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedia_Tagging_Party (11.04.2005, 17:49).

231 Vgl. „Wikipedia:Wikipedia-Distribution/Erfahrungsbericht Erstellung“. In: de.wikipedia.org (11.04.2005, 13:55). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedia-Distribution/Erfahrungsbericht_Erstellung (11.04.2005, 18:04).

232 „Wikipedia:Wikipedia-Distribution [Lieferstatus Stand 10. April 2005]“. In: de.wikipedia.org (10.04.2005, 23:06). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedia-Distribution#Lieferstatus_Stand_10._April_2005 (11.04.2005, 00:39).

233 „Wikipedia. Einführung in die Software“ In: WIKIPEDIA – Die freie Enzyklopädie. Ausgabe Frühjahr 2005. (Digitale Bibliothek Sonderausgabe). Berlin: Directmedia Publishing, 2005.