7.1 Die heimliche Medienrevolution?

Im Rückblick auf die Beschäftigung mit den verschiedenen Facetten des Wikipedia-Projekts stellt sich abschließend die Frage nach dem (medien-)revolutionären Potenzial des Wiki-Prinzips und wie die bisherige Entwicklung des noch jungen Phänomens zu bewerten ist: Handelt es sich bereits um eine der von Norbert Bolz prognostizierten „überzeugende[n] technische[n] Implementierungen von Hypermedien“?240 Hat damit das Warten ein Ende und werden die theoretischen Überlegungen von Hypertext-Visionären wie Vannevar Bush oder Ted Nelson mit dem Wiki-Prinzip in solchem Ausmaß Wirklichkeit, dass tatsächlich von einer „heimlichen Medienrevolution“ die Rede sein kann?

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde dieser Problemkreis unter dem Aspekt thematisiert, wie sich der Medienwandel auf traditionelle Konzepte von 'Autor' und 'Werk' auswirken könnte. Es wurde gezeigt, dass die medialen Bedingungen des Buchdrucks maßgeblichen Anteil an der Etablierung dieser Kategorien hatten, sei es in ästhetischer, ökonomischer oder juristischer Hinsicht. Zudem wurde danach gefragt, welche Rolle 'Autor' und 'Werk' in den hochgradig interaktiven Formen computervermittelter Kommunikation spielen.

Die Untersuchung konkreter Fallbeispiele aus dem produktiven Alltag des Wikipedia-Projekts dürfte einen Eindruck davon vermittelt haben, inwieweit sich gegenwärtig schon einschneidende Veränderungen in verschiedener Hinsicht abzeichnen. So stellt bereits das grundlegende Prinzip der Wiki-Technik, nämlich dass jeder beteiligte Autor sämtliche Texte verändern darf und soll, eine massive Infragestellung des für die Buchkultur charakteristischen Konzepts von der Autorschaft als Werkherrschaft dar.

Wenn sich prinzipiell jeder an der kollaborativen Textproduktion beteiligen kann, wie dies bei Wikipedia der Fall ist, dann gerät auch die Vorstellung individueller Verwertungsrechte ins Wanken. Hieraus erwächst das Prinzip 'freier Inhalte', das in Opposition zu etablierten Vorstellungen 'geistigen Eigentums' steht. Wer sich an Wikis beteiligt, erhält dafür keinerlei (materielle) Vergütung. Online-Gemeinschaften scheinen überwiegend von Engagement und Freiwilligkeit geprägt zu sein und werden vielfach vom Idealismus ihrer Teilnehmer getragen. Sie sind vielschichtige soziale Gebilde, die in mancherlei Hinsicht schwer zu durchschauen sind. So vertreten beispielsweise Christian Eigner und Peter Nauser die These, das Funktionieren virtueller Gemeinschaften basiere auf einer „Logik der Gabe“, die sich kommerziellen Einzelinteressen widersetzt – der Nutzen für die Allgemeinheit wird individuellen Interessen vorangestellt.241

Natürlich kann sich das Engagement einiger Teilnehmer auch in eine kontraproduktive oder gar destruktive Richtung verlagern, wie am Beispiel der „Trolle“ und „Vandalen“ im Wikipedia-Projekt deutlich wurde. Neben der urheberrechtlichen Dimension stellt sich deshalb in juristischer Hinsicht nicht zuletzt auch die Frage nach der Zurechnung inhaltlicher Verantwortung in global vernetzten, kollaborativen Schreibprojekten mit zu weiten Teilen anonymen und pseudonymen Publikationsbedingungen.

Die Offenheit des Wiki-Prinzips, wie sie in der Wikipedia radikal praktiziert wird, wirft auch Fragen nach dem Status des Werkbegriffs im Kontext digitaler Netzmedien auf. Gerade das Wikipedia-Projekt stellt in diesem Zusammenhang ein höchst ambivalentes Phänomen dar: Wie sich an den kontroversen Auseinandersetzungen innerhalb der Community ablesen lässt, konfligiert das Konzept einer traditionellen Enzyklopädie massiv mit den Vorstellungen vom offenen Charakter des Wiki-Prinzips. Der Wunsch nach Abgeschlossenheit und Ganzheit, nach verlässlichen und statischen Informationen steht dabei dem „Spirit of Wiki“ gegenüber, der durch Offenheit und Dynamik gekennzeichnet ist. (vgl. Kap.6.3). Der ganzheitliche und fixierte Werkbegriff der Druckkultur spielt also auch in der vernetzten Kommunikation in Wiki-Systemen eine nicht gerade unbedeutende Rolle: Fixiertes Endprodukt und dynamischer Prozess stehen in der Wikipedia in einem wechselseiten Spannungsverhältnis.

Auch die vollständige Auflösung individueller Autorschaft im Rahmen vernetzter Kollaboration erweist sich bei näherer Betrachtung des Wikipedia-Alltags als stark generalisierte Vorstellung. Nicht zuletzt die unzähligen 'Edit-Wars' und scheiternden Vermittlungsversuche sind hierfür ein Beleg. Der ausführlich beschriebene Fall der Sperrung des Benutzers:Thomas7 zeigt beispielhaft, in welchem Ausmaß Individuen aus dem scheinbar gesichtslosen Kollektiv hervortreten können, wobei der Kampf um eine pseudonyme – und im Grunde beliebige – Online-Identität in manchen Fällen geradezu existenziell anmutende Züge annehmen kann.

Gemäß der Doppelstruktur der Wikipedia ist dabei die Bedeutung des Autoren- bzw. Benutzernamens hinsichtlich der verschiedenen Textebenen zu unterscheiden: Im Produkt der Kollaboration, den Enzyklopädie-Artikeln, erscheint der Name nicht,242 im Prozess der internen Kommunikation dient er zur Verständigung der Teilnehmer untereinander. Diskussionen, die mit anonymen IP-Adressen geführt werden oder die Möglichkeit des nachträglichen Verfälschens fremder Beiträge verweisen auf die Problematik potenziell undurchschaubarer Kommunikationsverhältnisse.

Fußnoten:

240 Vgl. Anm.2.

241 Eigner, Christian / Nausner, Peter: „Wilkommen, ‚Social Learning’!“. In: Eigner, Christian u.a.: Online-Communities, Weblogs und soziale Rückeroberung des Netzes. Graz: Nausner & Nausner, 2003. S.52-94.

242 In der Versionsgeschichte sind allerdings alle Verfasser des jeweiligen Artikels – sei es als IP-Adresse, Pseudonym oder Klarname – aufgelistet. Zudem beinhaltet die Lizenzierung über GNU-FDL die Vorgabe, dass bei der Weiterverwertung der Texte die beteiligten Autoren genannt werden.