7.2 Wikifiction?

Zuletzt bleibt noch die Frage nach der ästhetischen – und damit im engeren Sinne literarischen – Dimension kollaborativer Autorschaft im Kontext der zunehmenden Verbreitung des Wiki-Prinzips. Bislang werden Wikis fast ausschließlich zur kollektiven Aufbereitung faktenbezogener Wissensbestände genutzt und erweisen sich auf diesem Feld als äußerst praktikabel. Künstlerisch-kreative Umsetzungen existieren hingegen noch kaum und wenn, dann vorwiegend in parodistischer Ausrichtung gegenüber dem großen Enzyklopädie-Projekt.243 Zwar gibt es Seiten in diversen Wikis, die eine Verwirklichung fiktionaler Wiki-Projekte diskutieren,244 doch wartet man noch immer auf eine tatsächliche Umsetzung größeren Ausmaßes.

Aufgrund fehlender Praxisbeispiele können die möglichen Auswirkungen des Wiki-Prinzips auf den literarischen Autorbegriff nur ausblickend behandelt werden. In Zusammenhang mit den Erkenntnissen aus der Untersuchung des Wikipedia-Projekts und den theoretischen Vorüberlegungen kann allerdings eine vorsichtige Einschätzung des Problems vorgenommen werden. Wie sich gezeigt hat, ist die Konsensfindung ein konstitutives Prinzip für das Funktionieren eines kollaborativen Enzyklopädie-Projekts wie Wikipedia. Es gibt zwar keine generellen inhaltlichen Vorgaben, doch dient die Grundregel der Neutralität als allgemein akzeptierter Bezugspunkt. Wenn solche Regeln die Grundlage für einen möglichen Konsens darstellen, dann stellt sich die Frage, wie solche Bezugspunkte im Rahmen literarischer bzw. fiktionaler Schreibprojekte aussehen könnten. Zentrale Merkmale der Autonomieästhetik, wie sie sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Opposition zur Regelpoetik herausgebildet haben und welche auch heute noch von Belang sind, stellen nicht zuletzt die „Individualisierung der Autorpersönlichkeit u. eine Freisetzung des Schaffensvorgangs“245 dar.

Wie verhält es sich aber mit der Vorstellung einer 'freien' kreativen Entfaltung im Rahmen eines konsequent durchgeführten Wiki-Projekts, wenn also jeder Autor nicht nur Beiträge hinzufügen, sondern auch sämtliche Beiträge aller anderen Autoren jederzeit verändern kann? Die Vorstellung 'freien Schaffens' scheint nicht mit dem Konsensprinzip in Wikis vereinbar, es sei denn, es werden schon im Vorfeld – im Sinne einer Regelpoetik – verbindliche Vereinbarungen getroffen. Denkbar wären in diesem Zusammenhang beispielsweise wiki-basierte Umsetzungen im Bereich der so genannten „Fan-Fiction“, welche sich im Internet großer Beliebtheit erfreut. Wie die Bezeichnung bereits erahnen lässt, handelt es sich dabei um fiktionale Textproduktionen, die „von Fans eines literarischen oder trivialliterarischen Originalwerkes (zum Beispiel eines Films, einer Fernsehserie, von Büchern, Computerspielen etc.) oder auch real existierender Menschen (z.B. von bekannten Schauspielern, Musikern oder Sportlern) erstellt werden“.246 Kulturkritische Betrachter würden in derartigen Projekte aber wohl allenfalls eine weitere Ausprägung „sozialer Ästhetik“ sehen.247

Welchen Stellenwert hat letztlich das ästhetische Konzept des Genies in den kollaborativen Schreibprojekten der Netzkultur? Ein populäres Gedankenexperiment aus dem Gebiet der Wahrscheinlichkeitstheorie, das so genannte „Infinite Monkey Theorem“,248 spielt auf humorvolle Weise mit dem Geniegedanken: Tippen genügend viele Affen genügend lange wahllos auf genügend vielen Schreibmaschinen herum, so könnten aus diesem Prozess eines Tages die Werke Shakespeares hervorgehen. Von derart extremen Zufälligkeiten dürften aber selbst Formen „sozialer Ästhetik“ in kollaborativen Netzprojekten nicht geprägt sein. Dennoch befindet sich das kollektive Wiki-Prinzip offensichtlich im Konflikt mit der literarischen Vorstellung vom Autor als alleinigen (und möglicherweise genialen) Schöpfer seines Werks.

Wie sich gezeigt hat, zeichnen sich im Rahmen der Netzkommunikation bereits Auswirkungen auf traditionelle Konzepte von 'Autor' und 'Werk' ab. Dies bedeutet aber nicht, dass diese vollständig an Bedeutung verlieren müssen, wie es das vielzitierte Schlagwort vom „Tod des Autors“249 impliziert. Eine völlige Verdrängung etablierter Autor- und Werk-Konzeptionen dürfte wohl ebenso unwahrscheinlich sein wie die Vorstellung einer umfassenden Determinierung kultureller Entwicklungen durch den Medienwandel, wie sie bisweilen in den netzpolitischen Zukunftsvisionen zum Ausdruck kommt.250 Plausibler als eine vollständige Umwälzung der bestehenden Kommunikationsverhältnisse erscheint daher eine weitere Ausdifferenzierung nebeneinander bestehender Konzepte. Wie die Untersuchung gezeigt hat, bewegt sich die praktische Ausprägung kollaborativen Schreibens in Wiki-Systemen im Spannungsfeld kollektiver und individueller Aspekte von Autorschaft und stellt somit ein ausgesprochen ambivalentes Phänomen dar, das sich allein über generalisierende Postulate theoretischer Provenienz kaum sinnvoll verorten lassen dürfte.

Fußnoten:

243 Vgl. Anm.169.

244 Vgl. „Wikifiction“. In: Meta-Wiki (01.04.2005, 00:57). URL: http://meta.wikimedia.org/wiki/Wikifiction (12.04.2005, 14:17).

245 Jäger 1992, S.68.

246 „Fan-Fiction“. In: de.wikipedia.org (08.04.2005, 08:57). URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Fan-Fiction (12.04.2005, 15:38).

247 Vgl. Anm.16.

248 Vgl. „Infinite Monkey Theorem“. In. en.wikipedia.org (03.04.2005, 15:43). URL: http://en.wikipedia.org/wiki/Infinite_monkey_theorem (12.04.2005, 16:34).

249 Vgl. Anm.20.

250 Vgl. Anm.9.