Was bedeutet der Wikipedia-Klau von AFP?

7. October 2006 - 10:55 -- Lisa Sonnabend

Am Tag der deutschen Einheit hat die Nachrichtenagentur AFP von Wikipedia abgeschrieben. Als in Pennsylvania ein Familienvater fünf Mädchen in einer Amish-Gmeinde getötet hatte, wollte die Welt erfahren, was die Religionsgemeinschaft eigentlich genau ist. AFP sendete ein Hintergrundstück, das fast wörtlich mit dem Eintrag in der Online-Enzyklopädie Wikipedia übereinstimmte. Nachrichtenmagazine wie Spiegel Online veröffentlichten anschließend den Text, ohne ihn als Wikipedia-Artikel zu kennzeichnen.

Während Spiegel Online den Artikel im Nachhinein als Wikipedia-Beitrag kenntlich machte, wollte AFP die Meldung nicht zurückziehen.

Der Fall zeigt zweierlei: Zum einen wird einmal mehr deutlich, für wie verlässlich Wikipedia bereits gesehen wird, dass selbst professionelle Journalisten die Texte (ungeprüft) übernehmen. Journalisten nutzen Wikipedia nicht mehr als Teil der Recherche oder erste Anlaufstelle. Nein: sie nutzen inzwischen ausschließlich das Online-Lexikon.

Zum zweiten wird leider auch deutlich, unter welchen Bedingungen Journalisten in Deutschland inzwischen arbeiten müssen. Gerade an Wochenenden und am Feiertag - wie auch am 3. Oktober - sind die Redaktionen stark unterbesetzt. In manchen Online-Redaktionen großer Tageszeitungen hat an einem solchen Tag nur ein Mitarbeiter Dienst. So ist es nur eine logische Folge, dass solche Patzer passieren.

Für den guten Ruf der deutschen Presselandschaft sind solche Ausrutscher nicht förderlich. Selbst amerikanische und französische Blogger wurden auf den Fall "AFP und Wikipedia" aufmerksam.