Weblog der Tagesschau: Ein Flaggschiff wird zum Speedboot

8. February 2007 - 15:38 -- Lisa Sonnabend

Bloggen als Chefsache: Die Chefredakteure der ARD-Tagesschau geben Einblick hinter die Kulissen der Nachrichtensendung – und zeigen, wie etablierte Medien mit Weblogs ihr Angebot attraktiver machen können.

So wüst geht es also zu in der Redaktion von Deutschlands wohl sachlichster und ausgewogenster Nachrichten-Sendung: Die Tagesschau-Redakteure sitzen unruhig in der Themenkonferenz und blicken heimlich auf ihre Mobiltelefone unter dem Tisch. Es läuft das Halbfinale der Handball-WM, Deutschland gegen Frankreich, Verlängerung. „Froschfresser“ ruft der Chef vom Dienst außer sich – und noch weitere Beleidigungen über die französischen Handballer fallen.

Was früher nie nach draußen gedrungen wäre, ist nun für alle Welt nachlesbar: Noch am selben Abend berichtet der Chefredakteur der Tagesschau Kai Gniffke im Internet von dem Geschehen in der Redaktion: „Das ist das Ende! Das solide, grundgute Nachrichtenflaggschiff versunken in schwarz-rot-geilem Nationalsumpf! Aber ehrlich gesagt: Das Spiel war’s wert.“

Seit einem Monat sind die Chefredakteure von ARD-aktuell Kai Gniffke und Thomas Hinrichs nicht mehr nur Journalisten, sondern auch Blogger. Sie schreiben regelmäßig auf der Webseite blog.tagesschau.de Beiträge über ihren Arbeitsalltag – aus sehr persönlicher Sicht.

„Manchmal ist es schon schwierig, sich zu offenbaren“, sagt Hinrichs gegenüber sueddeutsche.de über die neue „Arbeit“. Mit dem Weblog wollen sie aufzeigen, meinen die beiden Chefredakteure, „wie sich ein Nachrichtentag aus unserer Sicht entwickelt hat, welche Bilder wir gesehen haben, warum manches Thema durch den Rost gefallen ist“.

Das Weblog der Tagesschau gibt es zwar schon seit fast drei Jahren. Doch erst seit die beiden Chefredakteure seit dem 2. Januar mitbloggen, hat es eine hohe Aufmerksamkeit bei den Internet-Nutzern erreicht.

Die Leser haben die Möglichkeit, direkt Kommentare zu dem Geschriebenen abzugeben – und das tun sie auch. Den ersten Beitrag – über die Entscheidung der Redaktion, die Hinrichtung von Saddam Hussein nicht in der Tagesschau zu zeigen – kommentierten 169 Leser. Mal zustimmend, mal kritisch.

„Bloggen macht Spaß“, sagt Hinrichs. „Es ist zwar manchmal anstrengend, nach zwölf oder dreizehn Stunden Arbeit noch die Muße zu finden, einen ansprechenden Text zu verfassen, aber es ist schon so, dass Gniffke und ich ein wenig wetteifern, wer mehr Reaktionen bekommt.“ Neben E-Mail- und Briefverkehr wolle man eine weitere Möglichkeit schaffen, mit den Zuschauern unmittelbar ins Gespräch zu kommen. „Das erdet“, findet Hinrichs.

In ihren Beiträgen auf dem Tagesschau-Blog erläuterten Gniffke und Hinrichs zum Beispiel, warum sie sich an dem Tag, als Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber abdankte und Kyrill über Deutschland fegte, dafür entschieden haben, die Sendung mit dem Sturm zu beginnen und nicht mit der politischen Nachricht. Oder sie erklären, dass man in der ARD schon lange von Horst Seehofers Freundin in Berlin wusste, es aber niemals thematisiert hätte.

Mal kommen die Einträge ein wenig oberlehrerhaft rüber und erinnern an die „Sendung mit der Maus“, so beispielsweise der Text „Wie kommt Condie in die Tagesthemen?“ über ein Interview mit der US-amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice. Mal wirken sie ein wenig selbstbeweihräuchernd und wie professionelle PR-Arbeit: „Die Tagesschau sendet nach wie vor die seriösesten, sachlichsten und besten Fernsehnachrichten“, heißt es einmal.

Doch die meisten Beiträge sind interessant. Denn Gniffke und Hinrichs plaudern aus dem Nähkästchen und sagen ehrlich ihre Meinung. Ganz anders als bei Weblogs vieler anderer Medien, denen man anmerkt, dass das Bloggen für die Journalisten eher eine Qual ist und sie sich oft wochenlang nicht zu Wort melden.

Beim Weblog der Tagesschau dagegen schreiben die Leser in den Kommentaren: „Sehr lehrreich und sehr unterhaltsam. Daumen hoch!“, „Schön, wie Sie uns einen Einblick in den Journalismus direkt neben der Bühne der Weltpolitik ermöglichen“ oder „Ich finde es einen gelungenen Kontrast zum Nachrichtenroboter“.

Im Grunde ist das Tagesschau-Blog eine Art Corporate Blog, ein von einem Unternehmen geführtes Weblog zur Selbstdarstellung. Aber es ist ein sehr gutes und geschickt geführtes.

„Wir wollen deutlich machen, dass sich diese Redaktion nicht einigelt, sondern sich der Diskussion stellt. Eine gebührenfinanzierte Nachrichtenredaktion muss transparent sein“, schreibt Kai Gniffke in einem Beitrag. Das klappe bislang so gut, sagt Hinrichs, dass überlegt werde, Auslandskorrespondenten und Nachrichtensprecher in das Weblog mit einzubeziehen.

Und die Tagesschau bekommt ganz nebenbei ein frisches Image.

(Der Artikel ist auf sueddeutsche.de erschienen.)

Kommentare

Submitted by npm (not verified) on

Wo kann ich über diesem Thema weitere Artikeln finden..